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Freitag, 26. Juli 2013

UNTN

Alice im Untergrund


Sie steigen in die U-Bahn und bemerken, dass auffällig viele Menschen mit großen Kopfhörern in diesem Abteil sitzen. Doch diese Menschen scheinen auf dem ersten Blick seltsamerweise nichts miteinander zu tun zu haben. Sie nehmen also mit einem merkwürdigen Gefühl, dass es sich um keine gewöhnliche U-Bahn Fahrt handelt Platz und beobachten weiterhin Ihr Umfeld. Plötzlich stülpt sich der Mann neben Ihnen einen Gummihandschuh über die Hand und beginnt den Müll vom Boden der U-Bahn aufzusammeln. Ein weiterer läuft mit einem Fake Banjo durch das Abteil und singt Playback zu einem Song, den man nicht hören kann, während er auf den nicht vorhanden Saiten des Instruments zupft. Mittlerweile sind Sie nicht mehr die einzige Person, der in dieser U-Bahn etwas reichlich seltsam vorkommt. Aus unerfindlichen Gründen erheben sich alle Personen mit einem Kopfhörer gleichzeitig von ihren Sitzen, stehen eine Weile schweigsam und setzen sich wieder auf Ihre Plätze. Während der Herr, der zuvor den Müll aufgesammelt hatte, nun Wäsche auf einem Kleiderbügel an den Haltegriffen der U-Bahn aufhängt, hört man schon das erste verstörte Gelächter. Verwirrt müssen Sie hinnehmen, dass Sie nicht verstehen können, was hier gerade passiert.

„Was geht’n hier ab Oida?!“
„Wo ist die versteckte Kamera?“
Das und ähnliches bekam man am 16.07.2013 in der Münchner U-Bahnlinie U2 zu hören, wenn man ab 20:23 Uhr von der Haltestelle Messestadt Ost in Richtung Feldmoching unterwegs war. Das PATHOS Theater München lud zu der außergewöhnlichen Veranstaltung „UNTN“ ein, die eigentlich offiziell keine Veranstaltung war, weil hierfür die erforderliche Genehmigung der Münchner Verkehrsgesellschaft nicht vorlag. Also bewegte man sich, unter Einhaltung der Beförderungsvorschriften der MVG, als Fahrgast unter Fahrgästen im Untergrund.

In einer U-Bahn gelten Regeln. Abgesehen von den Vorschriften der Fahrgastbeförderung existieren nicht niedergeschriebene Gesetze – gesellschaftliche Regeln. Wer diese nicht beachtet, schießt sich schnell ins Aus. Man redet nicht lautstark in einer U-Bahn – nicht miteinander und schon gar nicht mit sich selbst. Schließlich sitzt man hier in einem engen Raum aufeinander und darf die anderen möglichst nicht belästigen oder in deren Privatsphäre eindringen. Man beobachtet die Menschen lieber durch die Spiegelung an der Fensterscheibe, um unauffällig einen Blick zu erhaschen, als direkt zu schauen und zu riskieren, dabei erwischt zu werden. Doch was passiert, wenn ein Fahrgast plötzlich aufsteht und anfängt die Scheiben der U-Bahn zu putzen? Was, wenn der Sitznachbar sich die Zähne putzt? Und was, wenn einem Fahrgast die bestellte Pizza in die U-Bahn geliefert wird und man auch noch freundlich ein Stück angeboten bekommt? Wenn all das passiert, haben wir das Gefühl, dass es sich hierbei um äußerst ungewöhnliche Dinge handelt. Unsere Gewohnheiten und Denkmuster werden durchbrochen. Unser Verständnis von sozialen Strukturen und Verhaltensweisen wird erschüttert. Aber was ist eigentlich normal und was anormal? Ist es nicht im gleichen Maße verrückt sich in der U-Bahn die Zähne zu putzen, wie lieber wegzuschauen, als hinzuschauen? Es ist wohl die Angst, dass etwas von jemandem gewollt wird, das die Fahrgäste einer U-Bahn veranlasst, sich am liebsten von allem abzuschotten. Was aber, wenn Dinge passieren, die so auffällig sind, dass man sich nicht mehr davon abschotten kann? Die Ungewissheit, wie man sich „richtig“ verhält, lässt viele eigenartig reagieren.

Ähnlich irritiert verhalten sich die „gewöhnlichen“ Fahrgäste der Münchner U-Bahnlinie U2, wenn sie beispielsweise beobachten, wie sich ein Mann im Käferkostüm und zwei weitere Männer gegenseitig überdimensional große Spielkarten herumreichen. Nur die Fahrgäste, die im Besitz eines Funkkopfhörers sind, welche zuvor an der Haltestelle Messestadt Ost ausgegeben wurden, verstehen durch das live übertragene Hörspiel, dessen Musik von Christoph Treußl und Text von Katrin Dollinger, Georg Reinhardt und Marcus Widmann stammen, die Zusammenhänge dieser seltsamen Geschehnisse. Interessant sind dabei auch die psychologischen Aspekte des Kollektivbewusstseins. Befinden sich die unbeteiligten Personen in der Minderheit, so ist zu beobachten, dass sich diese Menschen eher interessiert, amüsiert oder verdutzt verhalten und am liebsten zur Gruppe dazu gehören würden. Verändern sich die Verhältnisse so, dass die Unbeteiligten in der Überzahl sind, so wird die Gruppe als gesellschaftlich inakzeptabel empfunden und sogar verbal angegriffen.

Die Lieder und Texte, die von einem Laptop auf die Kopfhörer übertragen werden, haben stets einen engen Zusammenhang mit der Umgebung, die sich auf der Strecke befinden und sind hervorragend auf die Fahrt abgestimmt. Fährt die U-Bahn beispielsweise an der Haltestelle Messestadt West vorbei, so hört man, dass man gerade einen überirdisch gelegenen Friedhof passiert und wird für die dort ruhende Mutter gebeten zu einer Schweigeminute aufzustehen. Während der ganzen Fahrt vermischen sich illusionäre Konstruktionen mit der Realität, auf die man in der U-Bahn trifft. Die Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit verschwimmen so sehr, dass selbst die Teilnehmer oft nur noch schwer abschätzen können, wer eigentlich zu diesem performativen Schauspiel dazu gehört und wer ein gewöhnlicher Fahrgast ist. Wer ist Statist und wer real? Das alles wird exzellent mit der zeitgenössischen Architektur, der Stadtgeschichte und der heutigen Gesellschaft verbunden und reicht bis zu den Ansichten über die Demokratie eines alten griechischen Philosophen. Es gibt einen Denkanstoß über die eigene Lebensweise und öffnet die Tür zur Selbstreflektion. Muss man denn ein Leben lang ackern wie ein Wahnsinniger bis man selbst im Friedhof landet? Kann man nicht selber ein bisschen wie Alice im Wunderland sein und einen Schritt zurück machen, um einen anderen Weg zu gehen und eigene sowie gesellschaftlich vorgegebene Grenzen zu überschreiten, anstatt wie ein Hamster im Laufrad immer vorwärts zu laufen? Muss man immer nach oben streben? Sei es auf der Karriereleiter oder im privaten Bereich. Diese Frage muss jeder für sich selber beantworten. Vorerst wird man aber an den topologisch tiefgelegensten Punkt der Stadt herunter gezogen – nämlich der Endstation Feldmoching, welches auch die Eigenschaft besitzt, Stadt und Land miteinander zu vereinen. Vereint begeben sich auch alle Teilnehmer und Protagonisten tanzend aus dem Bahnhof nach oben, wo dieser einzigartig abwechslungsreiche und unterhaltsame Abend seinen Abschluss findet. Chapeau für diese ausgezeichnete Darbietung und die hervorragende organisatorische, technische und logistische Leistung, die sich dahinter verbirgt.

Hakan Karakaya
Foto: Matthias Kestel

Samstag, 6. Juli 2013

Schuld und Schein. Ein Geldstück

Der Bürger – Opfer der Steuern und Gebühren

Eine Zeitreise von der Vormodernen- zur Neukeynesianischen Geldtheorie oder kurzum: Vom  einfachen Goldstück zum Zertifikatindexoptionsfuturekontraktbundle. Wer noch nicht „Bankisch“ spricht, wird diese Sprache spätestens bei „Schuld und Schein. Ein Geldstück“ von Ulf Schmidt lernen, zu dessen Premiere das Münchner Metropol Theater am 04.07.2013 einlud.
Ein aus vielerlei Hinsicht völlig außergewöhnliches Theaterstück. „Drei… Zwei… Eins… Meins!“ hieß es am 22.12.2012 für das Metropoltheater, das als Meistbietender den Zuschlag für die Aufführungsrechte auf ebay erhielt. Mit sehr minimalistischen Mitteln gelingt es Jochen Schölch ein vermeintlich sehr trockenes und BWL-lastiges Thema zu einem didaktisch wertvoll gestalteten und amüsanten Sachtheater nebst Kabarett zu gestalten, bei dem nicht nur verdeutlicht wird, wie der Otto-Normal-Bürger von Bank und Staat ausgenommen wird, sondern wie sich gleichzeitig das wundersame Phänomen des Wirtschaftskreislaufs, inklusive der genialen menschlichen Erfindung der Inflation, entwickelt – und das alles im Stile der „Sendung mit der Maus“ inklusive einleitender Titelmelodie. Klingt komisch, ist aber so. Von Napoleon über Hitler bis zu Angela Merkel – wenn sich Anleger (A), Banker (B), Banker-Konkurrenz (B) und Anteilseigner (A), mit den jeweils auf deren T-Shirts aufgeklebten Buchstaben ganz zufällig zum Schriftzug A-B-B-A formieren, wird nicht nur zu ABBA’s „Money, Money, Money“ sondern auch zu „Ich wär‘ so gerne Millionär“ von den Prinzen oder Cro’s Hit „Einmal um die Welt“ getanzt, dessen wunderbare Choreographie und Gesang durch Philipp Moschitz angeleitet wurden. Das teuflische Bankenduo, gespielt von Paul Kaiser und Marc-Philipp Kochendörfer, verkörpert Ihre Rolle mit sichtlicher Freude, insbesondere dann, wenn es darum geht, neue verworrene Bankenverträge mit der obligatorischen Hypothek aufs Haus und der klitzekleinen Gebühr aufzusetzen, die der naive Sparer, gespielt von Butz Buse, blindlings unterschreibt und somit Haus und Hof riskiert. Denn Bankengeschäft ist Vertrauensgeschäft und von dessen Gewinnen will vor allem der smarte Anteilseigner, der von Philipp Moschitz dargestellt wird, einen satten Anteil haben. Und wenn den beiden Bankern die Ideen ausgehen, dann steht auch stets Herr Kaiser, gespielt von Hubert Schedlbauer mit Rat und Tat zur Seite, der eine Generalantwort auf jedes Problem im petto zu haben scheint – nämlich Steuererhöhung. Nicht nur durch die direkte Kommunikation mit dem Publikum fühlt man sich hier als Zuschauer gleich als ein Teil der Geschichte, sondern auch weil in diesem Stück, mit hohem Maß an schauspielerischer Leistung, ausschließlich mit dem Gesicht zum Publikum gespielt und gesprochen wird. Hervorragend umgesetzt ist der Effekt, wenn beispielsweise ein Säckchen Gold von A nach B den Besitzer wechselt und das von A ausgestreckte Gold plötzlich magisch aus dessen Hand verschwindet und im gleichen Augenblick weiter links in B’s Hand wieder auftaucht oder wenn ein Bechertelefon für den Wertpapierhandel und als Faxgerät dienlich ist. Die zahlreichen einfachen Requisiten versprechen immer wieder eine kreative und unterhaltsame Nutzung.  Die Entscheidung auf High-Tech Elemente zu verzichten wird es wohl gewesen sein, dass man im Gegensatz zur Textfassung vom Einsatz einer Leinwand abgesehen hat, auf der an einer bestimmten Stelle des Stücks Lösungsvorschläge zur Bewältigung der Finanzkrise live aus dem Publikum getwittert oder per sms versendet und projiziert werden können – Schade!
Und wer gegen Ende im Sumpf des undurchsichtigen Bankenkauderwelsch versunken ist, der wird auch prompt dazu aufgefordert, sich das eigens hierfür eingerichtete Forum auf www.schuldundschein.de zu Gemüte zu führen, in dem man sich gegenseitig die Funktionsweise von Transaktionsgeschäften erklären kann. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Henry Ford Anfang des 20.Jahrhunderts absolut Recht hatte mit seiner Aussage: „Eigentlich ist es gut, dass die Menschen unser Banken- und Währungssystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh“. Mit diesem und anderen eindrucksvollen Zitaten findet der Abend unter tosendem und langanhaltendem Applaus einen gelungenen Abschluss.

Hakan Karakaya
Foto: Hilda Lobinger

Mittwoch, 17. April 2013

Onkel Wanja

Langeweile – Wo Zeit und Raum zur lähmenden Lethargie werden



„Nichts hat sich geändert, alles bleibt beim Alten.“ – das triste Landleben und die sinnlosigkeit eines unerfüllten Daseins zeichnet Anton Tschechow in seinem Stück „Onkel Wanja“, welches am 04.04.2013 zur Premiere in den Münchner Kammerspielen aufgeführt wurde. Dass diese Vorstellung stattfinden konnte ist dem Intendant Johan Simons zu verdanken, der nach einer grippalen Erkrankung der Regisseurin Karin Henkel kurzfristig einsprang und ihre begonnene Arbeit vollendete. Eine ineinander greifende Zusammenarbeit, die sich sehr positiv aufs Gesamtergebnis niederschlägt.
„Why did you get up this morning?“. Diese und ähnliche Fragen, die fortwährend als Laufschrift eingeblendet werden,  kann man nur schwer beantworten, wenn man in den Mikrokosmos des Onkel Wanja blickt. Professor Serebrjakow lässt seine Nichte Sonja und ihren Onkel Wanja auf seinem Landgut arbeiten, während er ein schickes Stadtleben mit seiner zweiten Frau, der jungen und hübschen Jelena führt. Jahrelang schuften Sonja und Wanja, um dem Professor den erwitschafteten Ertrag zu schicken, der sich damit sein teures Leben finanziert. Alles ändert sich als der zwischenzeitlich pensionierte Serebrjakow mit seiner Frau wieder aufs Land zieht und allen klar wird, dass er nichts mehr als ein blutsaugender, schwätzender, alter Blender und Hypochonder ist.  Damit beraubt er alle, die an ihn geglaubt und ihn verehrt haben, ihrer Zeit und Mühe der Vergangenheit. Im Laufe der Stücks stellen alle Beteiligten ihre Handlungen ein. Eine resignierte und betäubende Starre bricht aus. Jede Form von Lebensfreude schwindet und ein tristes Landleben holt die Protagonisten ein. Eine Langeweile, die es bis zum Tode auszusitzen oder im Alkohol zu ertränken gilt. In ein Loch der Trostlosigkeit gefallen, leben und lieben sie alle aneinander vorbei. Wanja ist unglücklich in Jelena, der zweiten Frau des Professors verliebt. Jelena spielt mit dem ständig betrunkenen und ungepfelgten Arzt und Naturschützer Astrow, der wiederum die Liebe des Mauerblümchens Sonja nicht bemerkt, während Wanjas Mutter noch immer den zittrigen Professor verehrt. Das letzte Quäntchen an menschlicher Emotion kocht in Wanja hoch, als der Professor ankündigt, das Landgut verkaufen zu wollen. Gepackt von der Wut versucht er Serebrjakow zu erschießen aber wie auch alles andere in seinem Leben misslingt ihm dieser Mordversuch.
Muriel Gerstner quetscht die Schauspieler in einen klaustrophobisch kleinen, schwarzen Schaukasten, der sie zur Bewegungslosigkeit zwingt. Unterstützt wird das durch das überflüssige Dasein der Großmutter Marija Wassiljewna Wojnitzkaja (Hans Kremer) und dem verarmten Gutsbeitzer Telegin (Stefan Merki), die wohl nur als Raumfüller in das Stück integriert wurden. Dieser knappe Raum spiegelt auch die vermeindliche Auswegslosogkeit der Situation der Figuren wider – eingeengt in einer öden Welt, in der es nichts Lebenswertes mehr gibt.  Ein Leben, in der sich das einzige Glück darin spiegelt, sich dort kratzen zu können, wo es juckt.
Henkel und Simons reduzieren die Inszenierung auf das absolut Wesentliche und verleihen den Figuren eine sprachliche Monotonie, welches die surreale Tristesse des Stücks unterstreicht. Die Schauspieler werden ähnlich wie in einem Marionettentheater eingesetzt und tänzeln bewusst unbeholfen in ihrem Schaukasten.  Nur Onkel Wanja, gespielt von Benny Claessens, sitzt phlegmatisch und eher wortkarg am Bühnenrand. Anna Drexler verkörpert die schüchterne und in einem Kartoffelsack ähnlichen Kostüm gekleidete Brillenschlange Sonja überwältigend und mit gekonnter, punktgenauer Komik, wodurch sie das Publikum oft zum Lachen bringt. Aber auch der an Parkinson leidende Professor, der von Stephan Bissmeier sehr authentisch gespielt wird, trägt zur Unterhaltung der Zuschauer bei, wenn er in seinem grauen Anzug gebrächlich und fast stotternd über die Bühne trippelt. Ähnlich erbärmlich wirkt der Landarzt, hervorragend verkörpert durch Maximilian Simonischek, der wie ein obdachloser Säufer ständig über die Bühne torkelt und dabei schon längst aufgehört hat zu leben. Wie aus einer anderen Welt strahlt hingegen Wiebke Puls, wenn sie sich in ihrem pinken Abendkleid wie ein Messer ihren Weg über die Bühne schneidet und sich in eine fremde Gesellschaft begibt, über deren Unglück sie nur verächtlich lachen kann.
Tschechow deutet damit auf ein Phänomen, das sich auch in einer dekadenten Gesellschaft von heute wiederfinden lässt. Auf ein Problem einer wohlhabenden Gesellschaft, die seine Möglichkeiten nicht zu nutzen weiß und somit immer mehr in ein Loch aus Frust und Langeweile fällt.
Insgesamt kann man aber sagen, dass man aufgrund des Schicksals der Protagonisten doch lieber mehr Mitgefühl verspürt hätte, als so viel zu lachen. Das ist wohl auch eines der Kritikpunkte an diesem Abend, der durch den Gesang melancholischer, russischer Lieder von Polina Lapkovskaja begleitet wurde.
Mit tosendem Applaus und einer Standing Ovation zeigt das Publikum allen Beteiligten gegenüber seine Anerkennung. Noch nie war Langeweile so Unterhaltsam!

Hakan Karakaya

Foto: Julian Röder

Fegefeuer in Ingolstadt

Der Leib, als das Gefängnis der Seele

„Ich bleibe für mich. Heulen darf ich auch nicht.“ – und nicht nur heulen dürfen sie nicht, sondern auch nicht einmal selber sprechen. „Fegefeuer in Ingolstadt“ heißt das Stück von Marieluise Fleisser, das zur Premiere am 08.Februar 2013 in den Münchner Kammerspielen aufgeführt wurde.
Olga erwartet ein Kind von einem Jungen, der sich offenbar von ihr abgewandt hat. Gleichzeitig weckt sie das Interesse des stinkenden Nachbarsjungen Roelle, der Gefallen an ihr findet und sich an sie heranmacht. Dies gibt Olgas Schwester Clementine Grund zur Eifersucht. Als Roelle von Olgas Schwangerschaft erfährt, versucht er sie zu erpressen und fordert von ihr unter Gewalt Zuneigung und Zärtlichkeit, was sie wiederum in die Flucht treibt. Getrieben vom religiösem Wahn prahlt Roelle auf einem Jahrmarkt mit Engelserscheinungen. Als sein Täuschungsversuch entlarvt wird, wird er mit Steinen beworfen und flüchtet zu Olga nach Hause, die ihrem Vater gerade ihre Schwangerschaft gesteht und keinerlei Verständnis erfährt. Sie sieht den einzigen Ausweg im Suizid und versucht sich zu ertränken, wird jedoch vom wasserscheuen Roelle gerettet. Roelle behauptet, der Vater ihres ungeborenen Kindes zu sein, um wieder Ansehen zu erlangen. Damit erreicht er aber nur, dass auch Olga degradiert wird. Beide brennen im „Fegefeuer“ der Familie, Gesellschaft und der zwei ungreifbaren Brüder Protasius und Gervasius. Damit die beiden verstoßenen Roelle und Olga wieder in die Gesellschaft hinein finden, verbreiten sie über sich gegenseitig Gerüchte. Als Roelle sein Verhalten rechtfertigt, wirft Olga ihm vor, der Grund für ihren sozialen Absturz zu sein. Eingekauert im Eck, in der ihm nicht einmal mehr seine religiös geprägte Mutter zur Seite stehen kann, glaubt sich Roelle einer Totsünde schuldig gemacht zu haben und will beichten.
„Fegefeuer in Ingolstadt“ ist ein kontrovers diskutiertes Stück, in der die Menschen in der Welt ihrer eigenen starren Körper gefangen sind, die gleichermaßen verstörend, als auch beengend wirken. Diese Welt spiegelt sich auch in dem kahlen und kalt wirkendem Raum wider, das den kleinbürgerlichen Kosmos der Städte wie Ingolstadt in den 1920er Jahren darstellt, welches sinnbildlich für viele weitere Städte steht. Die Regisseurin Susanne Kennedy schafft es, durch ein ständiges An und Aus des Lichtes, begleitet durch einen dröhnenden Sound, eine Dramatik und Spannung zu erzeugen, die seines Gleichen sucht. Diese apruppten Szenenwelchsel werden für schnelle und lautlose Veränderungen im Bühnenbild genutzt. Es wirkt fast wie ein Filmriss, der dem Zuschauer jedesmal  ein anderes Bild präsentiert, wenn das Licht wieder angeht.
Das Ensemble zeigt einen perfekt aufeinander abgestimmten Einsatz mit Texteinspielungen und ein herovrragendes Zusammenspiel auf der Bühne. Die Schauspieler verkörpern dabei steinerne Figuren, die keinen Zugang zur Sprache, zu Emotionen und Wünschen finden. Besonders der fast psychopathische Blick der Schauspielerin Cigdem Teke, in der Rolle der Olga, zeigt unbefriedigte Sehnsüchte nach etwas Glück und Liebe und verdeutlicht damit ihre Verzweiflung. Die Personen des Stücks stehen als Beobachter zueinander, und nutzen eine verbale aber auch körperliche Gewalt, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Kennedy setzt im Stück bewusst die Wiederholung einiger Szenen als ein Mittel ein, das dem Zuschauer jedoch bei Überdosierung sauer aufstößt. Als Roelle seine Beichte zum dritten Mal ablegt, verlassen am Premierenabend einige Zuschauer sichtlich genervt vorzeitig den Saal. Die Spitze der Aufregungen wird erreicht, als direkt im Anschluss an die Beichte ein Gebet vom gesamten Ensemble gesprochen wird, das mehrmals in einer immer höher werdenden Stimmlage wiederholt wird. Der Zuschauerraum polarisiert und wird überschattet von Buh‘s, Pfiffen und „Es reicht!“-Rufen, die sich mit dem Applaus der zufriedenen Zuschauer vermischen. Immer mehr Zuschauer verlassen den Vorstellungsraum, doch das übrig gebliebene Publikum, das sich noch immer in der Mehrzahl befindet, zeigt durch langanhaltendem Applaus und einer Standing Ovation seinen Respekt dieser vielleicht genialen Darbietung.
Hakan Karakaya
Foto: Julian Röder

Atlantropa

Albtraumtropa
Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit und an die Schule, in die Sie nicht gehen wollten. Erinnern Sie sich an den grauenhaften Geschichtsunterricht, der einfach nicht vergehen wollte. Willkommen zur Premierenvorstellung von „Atlantropa“ – 100 Minuten, in denen man sich genau so fühlte.  
Die SchauBurg, die als Schauplatz dieses Bühnendebakels fungierte, hat unter Regie von Sebastian Linz am 14.02.2013 zu einer Vorstellung eingeladen, die an Mittelmäßigkeit kaum zu übertreffen war. „Atlantropa“ nennt sich das surreale Vorhaben des Münchner Architekten Herman Sörgel, dessen Idee es 1927 war, eine Lösung für die Krisensituation Europas zu finden. Sein Gedanke war es, einen Staudamm bei Gibraltar zu errichten und somit das Mittelmeer vom Atlantik abzuschotten und den mediterranen Meeresspiegel erheblich zu senken. Durch Wasserkraft sollte Energie erzeugt werden, welches durch ein großes Netz für politischen und wirtschaftlichen Frieden sorgen sollte. Das durch die Absenkung des Meeresspiegels neu gewonnene und fruchtbare Land, sollte als Kornkammer dienen und europäischen Völkern eine Heimat bieten. In einer Weiterentwicklung sah das Projekt eine Erschaffung von großen Binnenmeeren vor, um aus Europa und Afrika einen unabhängigen Kontinent zu entwickeln. So viel zur Theorie – in der Praxis bietet sich dem Zuschauer an diesem Premierenabend zu Beginn ein Bibliothek ähnlicher Raum mit Kunstpflanzen, der im Laufe des Stücks noch eine zentrale Rolle spielt.
Die vier Hauptdarsteller sitzen an den Tischen verstreut im Raum und tragen scheinbar Informationen zu einem Thema zusammen. Und dann geht’s auch schon los. Das Ensamble „ausbau.sechs“ tritt nach vorne und setzt sich in einer Reihe hin. Der Zuschauer wird durch die vorgelesenen, langatmigen und uninteressanten Zahlen, Daten und Fakten zum Projekt „Atlantropa“ nahezu eingeschläfert. Fast dankbar dafür, dass die langweiligen Informationen zu Ende vorgetragen sind, kommt ein bisschen Action in die Bude, was jedoch wie ein hilfloser Aktionismus wirkt, um mit diesem trockenem Thema nicht in der Wüste zu landen. Die Schauspieler springen wild umher und geben sich einer jeweils neurotisch wirkenden Beschäftigung hin, wodurch der Regisseur Sebastian Linz wohl versucht, die Unsinnigkeit des Projekts „Atlantropa“ zu verdeutlichen. Es werden mit vollem Körpereinsatz und auf höchst umständliche Weise Tische jongliert und verrückt, unter denen die Schauspielerin Linda Löbel nahezu erdrückt wird. Jede freie Fläche des schwarzen Raums wird durch die am Boden kriechende, schreibwütige Michelle Bray mit einem weißen Stift beschrieben. Hysterisch wird durch Christoph Theußl der Sand aus den Töpfen der Kunstpflanzen auf einem Tisch ausgeleert und ein absurdes Sandkastenspiel beginnt, während der vierte im Bunde, Martin Schülke Bücher über Atlantropa zur Schau stellt und grinsend Zettel an einen Tischrand klebt. Begleitet wird dieser unruhige Wettkampf um die Aufmerksamkeit des Publikums durch die vorgelesenen Korrespondenzen zwischen den Staaten, die am Projekt „Atlantropa“ beteiligt sind. Die Szenen wechseln sich zwischen skurrilem Bühnenchaos und vorgelesenem Schriftverkehr knapp 100 Minuten lang ab. Der Lichtblick dieses Abends ist ein sympathischer alter Mann, gespielt von Helmut Stange, der als Bibliotheksangestellter immer wieder über die Bühne huscht und dabei das Gefühl vermittelt, eigentlich in einem anderen Theaterstück auftreten zu wollen – was sich schlussendlich auch bestätigt, als sich der selbige gegen Ende als Goethe präsentiert. Ein tatsächlich abgetrennter und herrausragender Augenblick an gutem Schauspiel. 
Weitere Spieltermine dieses Doku-Horrors können leidensfähige Zuschauer dem Programm der SchauBurg München entnehmen.
Hakan Karakaya

Foto: DigiPott

Liebe ist... kein Argument

Einigkeit um Recht und Freiheit?

„Liebe ist... kein Argument“ heißt das Debütstück von Marianna Ölmez, das sie selbst geschrieben, inszeniert, produziert und darin die Hauptrolle gespielt hat.
Am 31.01.2013, dem Abend der Premiere, reiht sich die Kassenschlange der Pasinger Fabrik  bis zur Eingangtür, mit buntgemischtem Publikum, das gespannt ansteht, in der Neugierde, ob die zahlreichen Vorankündigungen in Rundfunk und Print halten werden, was versprochen wurde.
Dem Zuschauer bietet sich das Bild eines sehr naturalistisch gestalteten türkischen Wohnzimmers, inklusive Satellitenschüssel und Häckeldeckchen auf dem Fernseher.
Das türkische Ehepaar, gespielt von Ercan Öksüz und Marianna Ölmez, wirken auf den ersten Augenblick wie eine ganz „normale“ Familie, bis sich die Dame des Hauses, zum großen Missfallen des Ehemannes, in einenTschador wirft und Möbel verrückt, um die erwarteten deutschen Gäste Ulla und Bernd zu Empfangen.
Es begegnen sich zwei einander scheinbar fremde Welten, die über die bevorstehende Hochzeit ihrer Kinder verhandeln wollen, welche allerdings selbst aus unterschiedlichen Gründen nicht anwesend sein können.
Eine peinlich berührte Stille bestimmt die ersten Minuten des Besuchs. Niemand scheint so recht zu wissen, wie er sich korrekt zu verhalten hat. Der bayerisch derbe Vater, die Steine sammelnde buddhistische Ökomutter, die in schwarz eingehüllte Gastgeberin und auch ihr Raki liebender Ehemann nicht.  Ein Çay soll die angespannte Stimmung auflösen, so denkt Hatice, die Brautmutter und macht sich wohlwollend auf in die Küche. Sie kann nicht ahnen, dass Bernd, der Bayer Schwarztee nicht ausstehen kann, genauso wie auch das Gastgeschenk, die selbstgebackenen Öko- Dinkelkekse von Ulla, bei den Gastgebern nicht gut ankommen. Ein Kampf mit  Missverständnissen und Vorurteilen beginnt. Untersützt wird das gesellschaftliche Desaster durch den ständigen Überfall und den peinlichen Fauxpas  der unsensiblen  türkischen Nachbarin Emine, gespielt von der überaus bemühten Schauspielerin Maria Kafritsas, die immer wieder hereinplatzt und dafür sogrt, dass sich die Situation immer  weiter zustpitzt.
Marianna Ölmez entblöst die aufgesetzte Fassade ihrer Figuren Stück für Stück, bis sie sich selbst den Tschador wütend vom Leib reißt, um zu beweisen, dass sie nicht weniger frei ist als eine scheinbar emanzipierte europäische Frau – ein tiefsinniger Moment.
Der Regisseurin  gelingt an diesem Abend ein sehr heiteres, unterhaltsames und kurzweiliges Theaterstück mit gekonnter Komik, das durchgängig von herzhaften Lachern begleitet wird. Ein ausgelassenes Publikum  dankt  mit verdientem, langanhaltendem Applaus und überwältigt die zu Tränen gerührte Marianna Ölmez.
Ein Theaterstück, das die Lachmuskeln trainiert und das Thema der Interkulturalität unserer Gesellschaft witzig aufarbeitet.
Hakan Karakaya

Foto: Haydar Sokul