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Samstag, 6. Juli 2013

Schuld und Schein. Ein Geldstück

Der Bürger – Opfer der Steuern und Gebühren

Eine Zeitreise von der Vormodernen- zur Neukeynesianischen Geldtheorie oder kurzum: Vom  einfachen Goldstück zum Zertifikatindexoptionsfuturekontraktbundle. Wer noch nicht „Bankisch“ spricht, wird diese Sprache spätestens bei „Schuld und Schein. Ein Geldstück“ von Ulf Schmidt lernen, zu dessen Premiere das Münchner Metropol Theater am 04.07.2013 einlud.
Ein aus vielerlei Hinsicht völlig außergewöhnliches Theaterstück. „Drei… Zwei… Eins… Meins!“ hieß es am 22.12.2012 für das Metropoltheater, das als Meistbietender den Zuschlag für die Aufführungsrechte auf ebay erhielt. Mit sehr minimalistischen Mitteln gelingt es Jochen Schölch ein vermeintlich sehr trockenes und BWL-lastiges Thema zu einem didaktisch wertvoll gestalteten und amüsanten Sachtheater nebst Kabarett zu gestalten, bei dem nicht nur verdeutlicht wird, wie der Otto-Normal-Bürger von Bank und Staat ausgenommen wird, sondern wie sich gleichzeitig das wundersame Phänomen des Wirtschaftskreislaufs, inklusive der genialen menschlichen Erfindung der Inflation, entwickelt – und das alles im Stile der „Sendung mit der Maus“ inklusive einleitender Titelmelodie. Klingt komisch, ist aber so. Von Napoleon über Hitler bis zu Angela Merkel – wenn sich Anleger (A), Banker (B), Banker-Konkurrenz (B) und Anteilseigner (A), mit den jeweils auf deren T-Shirts aufgeklebten Buchstaben ganz zufällig zum Schriftzug A-B-B-A formieren, wird nicht nur zu ABBA’s „Money, Money, Money“ sondern auch zu „Ich wär‘ so gerne Millionär“ von den Prinzen oder Cro’s Hit „Einmal um die Welt“ getanzt, dessen wunderbare Choreographie und Gesang durch Philipp Moschitz angeleitet wurden. Das teuflische Bankenduo, gespielt von Paul Kaiser und Marc-Philipp Kochendörfer, verkörpert Ihre Rolle mit sichtlicher Freude, insbesondere dann, wenn es darum geht, neue verworrene Bankenverträge mit der obligatorischen Hypothek aufs Haus und der klitzekleinen Gebühr aufzusetzen, die der naive Sparer, gespielt von Butz Buse, blindlings unterschreibt und somit Haus und Hof riskiert. Denn Bankengeschäft ist Vertrauensgeschäft und von dessen Gewinnen will vor allem der smarte Anteilseigner, der von Philipp Moschitz dargestellt wird, einen satten Anteil haben. Und wenn den beiden Bankern die Ideen ausgehen, dann steht auch stets Herr Kaiser, gespielt von Hubert Schedlbauer mit Rat und Tat zur Seite, der eine Generalantwort auf jedes Problem im petto zu haben scheint – nämlich Steuererhöhung. Nicht nur durch die direkte Kommunikation mit dem Publikum fühlt man sich hier als Zuschauer gleich als ein Teil der Geschichte, sondern auch weil in diesem Stück, mit hohem Maß an schauspielerischer Leistung, ausschließlich mit dem Gesicht zum Publikum gespielt und gesprochen wird. Hervorragend umgesetzt ist der Effekt, wenn beispielsweise ein Säckchen Gold von A nach B den Besitzer wechselt und das von A ausgestreckte Gold plötzlich magisch aus dessen Hand verschwindet und im gleichen Augenblick weiter links in B’s Hand wieder auftaucht oder wenn ein Bechertelefon für den Wertpapierhandel und als Faxgerät dienlich ist. Die zahlreichen einfachen Requisiten versprechen immer wieder eine kreative und unterhaltsame Nutzung.  Die Entscheidung auf High-Tech Elemente zu verzichten wird es wohl gewesen sein, dass man im Gegensatz zur Textfassung vom Einsatz einer Leinwand abgesehen hat, auf der an einer bestimmten Stelle des Stücks Lösungsvorschläge zur Bewältigung der Finanzkrise live aus dem Publikum getwittert oder per sms versendet und projiziert werden können – Schade!
Und wer gegen Ende im Sumpf des undurchsichtigen Bankenkauderwelsch versunken ist, der wird auch prompt dazu aufgefordert, sich das eigens hierfür eingerichtete Forum auf www.schuldundschein.de zu Gemüte zu führen, in dem man sich gegenseitig die Funktionsweise von Transaktionsgeschäften erklären kann. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass Henry Ford Anfang des 20.Jahrhunderts absolut Recht hatte mit seiner Aussage: „Eigentlich ist es gut, dass die Menschen unser Banken- und Währungssystem nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh“. Mit diesem und anderen eindrucksvollen Zitaten findet der Abend unter tosendem und langanhaltendem Applaus einen gelungenen Abschluss.

Hakan Karakaya
Foto: Hilda Lobinger

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