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Mittwoch, 17. April 2013

Wieso?


Wieso?

Es ist dunkel. Das Tageslicht bekomm ich nur durch die klitzekleinen Spalten zu sehen, die an ein Fenster erinnern. Frische Luft hab ich so gesehen noch nie geschnuppert. Was ist das eigentlich – das Ding, das sie Frischluft nennen? Hier hängt der Duft des Todes in der Luft, vermischt mit unserem eigenen Kot. Ja, ich bin zwar eingesperrt, aber ich bin nicht alleine. Es heißt, wir waren mal frei – so erzählt man es hier. Ich weiß nicht so recht, ob ich das glauben kann. Ich kann´s mir einfach nicht vorstellen. Wie das wohl ist frei zu sein? Ich bin hier im meiner Zelle geboren. Ich kenne nichts anderes als dieses Gefängnis. Aber warum bin ich eingesperrt? Was hab ich verbrochen? Ich habe doch niemandem etwas getan! Freiheit… seltsames Wort. Man sagt, früher konnten wir uns frei bewegen, essen wenn wir Hunger hatten und frische Luft atmen. Ich halte das für ein Gerücht! Meine Freiheit beschränkt sich auf ca. 2-3m². Eigentlich kann ich mich kaum bewegen aber das Gesetz sagt, dass ich ausreichend Platz habe. Mehr steht mir nicht zu und damit muss ich leben.

Tagsüber höre ich Schreie. Schreie von den Verurteilten. Sie werden abgeholt, um getötet zu werden. Nein, ihnen wird nicht einfach der Kopf abgeschlagen. Sie werden in Gruppen in die Todeskammer gestoßen. Dort wird ihnen eine Pistole mit Betäubungsmittel an den Kopf gehalten aber das wirkt nie. Sie  werden an den Beinen Kopfüber aufgehängt, während sie noch verstört zappeln und schreien – ich kann sie gut hören. Es ist der bittere Schrei des Überlebenswillens aber sie haben keine Chance. Sie werden halb erschlagen während sie herunterbaumeln. Die Bäuche werden ihnen aufgeschlitzt bis sie verbluten und die anderen müssen dabei zusehen bis sie selber an der Reihe sind.

Neulich war mal einer von uns krank. Da mussten wir alle Medikamente nehmen, damit wir nicht angesteckt werden. Uns wurde in die Pampe, die sie uns als Fraß vorsetzen, Antibiotika gesteckt, damit wir nicht auch krank werden. Dabei merken die gar nicht, dass das uns nur noch mehr krank macht und schädlich ist. Ich musste dieses Zeug essen, obwohl ich eigentlich gar nicht wollte. Dieser Matsch schmeckt sowieso nicht gut – soll’s ja auch nicht. Es ist einfach nur günstig und soll uns stopfen.

Nachts höre ich viele schreien und weinen. Manche von ihnen haben Schmerzen, andere wissen genau, was uns allen hier noch blüht. Jedes Mal wenn einer von denen im weißen Kittel herein kommt, zucken wir zusammen. Manchmal schauen sie nur aber manchmal werden wir auch in der Nacht weggebracht. Geschlafen hab ich schon lange nicht mehr. Ich muss mir immer die gleiche Frage stellen. Wieso machen die das mit uns? Warum ist die Welt so grausam? Ich hatte keine Antwort, bis eines Tages ein Neuer zu uns kam. Er schien schon viel erlebt zu haben. Er berichtete mir von der Freiheit, die wir nur als Mythos kannten. Er sagte, dass er mal so gelebt hat, wie wir es nur aus Erzählungen her kennen. Bis auch er eines Tages eingesperrt und zu uns gebracht wurde. Ich wollte Ihm so viele Fragen stellen. Alles kochte in mir hoch aber dann wurde ich von hinten gepackt und aus meiner Zelle gezogen. Ich schrie noch meine letzte Frage „Wieso?“. Er blickte zu mir und sagte „Geld mein Lieber! – Das ist alles nur des Geldes wegen.“

Dann wurde auch ich, wie die übrigen Rinder, ins Schlachthaus geführt.


Hakan Karakaya

1 Kommentar:

  1. Mit diesem Essay hast du einen neuen Fan gewonnen! Hut ab!

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